Wo der Sommer kein Ende hat

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Eigentlich wollte Sebastian Reifferscheid nur seinen 19. Geburtstag feiern. Und dem Sportverein, dessen Vorsitzender er gerade geworden war, ein bisschen Geld in die Kasse bringen. Ein kleines Musikfestival sollte es sein. Elektronische Musik. 200 bis 300 Gäste. Mehr würden wahrscheinlich sowieso nicht kommen. Am Ende waren es 1200 Menschen, die beim ersten Endless Summer Festival in Osterspai vor zehn Jahren dabei waren. Damit hatte niemand gerechnet. Auch nicht damit, dass das Festival mal zehnjähriges Bestehen feiern würde. Vergangenes Wochenende ist aber genau das passiert.

Bereits unten am Rhein sind die Bässe zu hören. Ein Grollen dröhnt aus dem Wald oberhalb von Osterspai herunter ins Tal. Sogar im Bopparder Hamm soll die Musik noch zu hören gewesen sein. Was manche als Krach abtun, ist für jene, die hier feiern, der Inbegriff des Loslassens. Repetitive Rhythmen, meist im Viervierteltakt, die Ekstase versprechen. In Trancezustände tanzen, dieses Ritual ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Und auch heute noch sind Menschen diesem Ritual auf der Spur. Sie sehnen sich nach Außeralltäglichkeit, der körperlichen Verausgabung beim Tanzen, dem Beben im Brustkorb, wenn der Beat einsetzt. Ein Gefühl, das süchtig machen kann.

Damit das alles überhaupt möglich ist, hat Sebastian Unterstützung von 50 ehrenamtlichen Helfern. Bereits drei Tage vor dem Festival beginnt der Aufbau. Ein paar Helfer nehmen sich dafür die komplette Woche Urlaub. Auch Sebastian. Die anderen packen abends nach Feierabend mit an. Im Ort wird das Festival trotz der enormen Lautstärke geduldet. Der Ortsbürgermeister kommt sogar jedes Jahr persönlich vorbei. Und der alte Bürgermeister staunte damals nicht schlecht, als er morgens in der Zeitung las, dass mehr als 1000 Besucher gekommen waren. „Da haben wir die Einwohnerzahl von Osterspai einfach mal verdoppelt“, sagt Sebastian und lacht.

Der Mund ist trocken. Nicht allein, weil wie fast jedes Jahr die Temperaturen nah an den 30 Grad kratzen. Schuld sind Hunderte Füße, die sich zum Beat bewegen. Die dem trockenen Boden Millionen kleiner Staubpartikel entlocken, die sich über der Menge selbst zum Tanz in die Lüfte erheben. Ich möchte am liebsten den Rhein austrinken, regelmäßig ein Wasser an der Bar tut’s dann aber auch. Das ist an diesem Samstag ähnlich begehrt, wie Sitzplätze im Schatten. Wer es nicht schafft, sich in Trance zu tanzen, muss sich schließlich auch mal ausruhen.

Bedenken, dass die Idee mit dem Festival überhaupt funktioniert, hatte Sebastian damals natürlich auch. Vor allem wegen der Anbindung. „Der letzte Zug fährt um 22 Uhr“, sagt er. Das Festival endet jedoch erst um Mitternacht. Bis vor einigen Jahren wurde sogar bis 3 Uhr nachts gefeiert. Mit einem Festivalbus, der die Gäste an verschiedenen Orten in der Region abholt, schafften sie Abhilfe. Gäste von weiter weg reisen eher mit dem Auto an. Und da wundert sich Sebastian manchmal selbst, von woher die Besucher nach Osterspai kommen. Aus dem Westerwald, aus Wetzlar und Gießen. Einige kommen sogar aus Mönchengladbach oder München angereist.

Auf der größeren der zwei Bühnen macht sich unterdessen der Headliner des Festivals bereit. Alles Nur Aus Liebe, kurz A.N.A.L. Ein in der DDR geborener DJ, dessen Markenzeichen es ist, dass er immer wieder kurze Sprach-Samples in seine Sets mit einbaut. Häufig sind das Filmzitate, die nicht weniger häufig die Tanzenden zum Schmunzeln bringen sollen. Das funktioniert auch an diesem Abend. Der DJ hat die Menge im Griff. So voll wie bei ihm war es vor der Bühne zuvor noch nicht. Der Mund wird immer trockener.

Ob es im nächsten Jahr mit dem Festival weitergeht, entscheidet das Team jedes Jahr neu. „Wenn die Einnahmen nicht stimmen und die Besucherzahlen einbrechen, bekomme ich das vor den 50 ehrenamtlichen Helfern nicht mehr gerechtfertigt“, sagt Sebastian. Zumal von den 50 Helfern 45 nicht mal diese Musik hören. Und unter den 45 sind noch 20, die eigentlich gar nichts mit dem Sportverein zu tun haben, der bis heute das Festival offiziell veranstaltet. „Gut die Hälfte der Leute, die hier mit anpacken, sind Freunde von mir, die darauf einfach Bock haben“, erklärt Sebastian. Oder seine Eltern, die an der Bonkasse aushelfen.

Dass er das Festival in seinem Heimatort Osterspai veranstaltet, war für Sebastian von Anfang an klar. „Wir könnten so ein Festival zwar auch in Koblenz veranstalten, beispielsweise am Deutschen Eck. Aber für mich hat es einen besonderen Reiz, das in meinem Heimatort zu machen“, sagt der 29-Jährige. Überhaupt will er Osterspai und das Mittelrheintal nicht mehr missen. Mit seiner Freundin hat er ein Haus im Ort gekauft. Er ist Mitglied des Gemeinderats. Und mit seinem Job beim Fußballverband Rheinland in Koblenz, hat er sein Hobby quasi zum Beruf gemacht, wie er sagt.

Als die Sonne sich allmählich am Horizont des Rheintals in die Nacht verabschiedet, zeigt sich das Festivalgelände von seiner schönsten Seite. Der aufwirbelnde Staub, die untergehende Sonne, die vielen glücklichen Gesichter. Es sind diese Momente, für die sich aller Aufwand lohnt, den Sebastian und sein Team in diesen einen Tag investieren. Sebastian gönnt sich auch einen Moment des Genießens. Er geht auf die Bühne, um dort ein bisschen mitzutanzen. Muss ein gutes Gefühl sein. Wer sich so für seinen Heimatort engagiert, dem sei das auch die kommenden zehn Jahre vergönnt.

 

Drei Fragen an Sebastian Reifferscheid

Was ist typisch Mittelrheintal?

Der Ausblick. Wir leben hier, wo andere Urlaub machen.

Was ist typisch Osterspai?

Der Langhals, das ist unser Wahrzeichen. Wir Osterspaier werden in der Region Langhälse genannt. Auf dem Dorfplatz steht dazu auch eine Figur. Ich weiß gar nicht so genau, woher diese Bezeichnung stammt. Typisch für Osterspai ist außerdem der Ritt, unser Rheinstrand.

Was könnte hier im Tal deiner Meinung nach besser laufen?

In Sachen Infrastruktur die Zuganbindung. Zwischen 22 und 6 Uhr fährt kein Zug mehr. Das ist für junge Leute schon ein Problem.

 

Und hier die Bilder vom Festival zum Durchklicken:

3 Kommentare

  • Stefanie Heinz says:

    Wirklich toll was in Osterspai für junge Leute geleistet wird! Davor ziehe ich meinen Hut.
    Solche junge Leute braucht das Mittelrheintal.

  • Maria Schmelzeisen says:

    Dazu kann ich nicht viel sagen,aber Sebastian Reifferscheid hat sich den Erfolg wirklich verdient.Die Fotos sind prima, die jungen Menschen haben sich amuesiert und das nettjes .
    Dus was erzaehlt wird von den jungen Leuten ist nicht immer wahr.Darueber bin ich froh.

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