Wunderwelten

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Das Modell zu Frank Kunerts Bild "Mit Balkon". (Foto: Timo Stein)
Das Modell zu Frank Kunerts Bild "Mit Balkon". (Foto: Timo Stein)

Zwei Kreative. Zwei Wunderwelten. Zwei Ausstellungen. Zwei Beispiele dafür, was passieren kann, wenn Eltern ihren Kindern Technikbaukästen schenken.

Ein bisschen wunderlich ist das ja schon, wenn Frank Kunert seine Wunderwelten bastelt. Dann kann es durchaus vorkommen, dass er im Stillen zuhause ein Atomkraftwerk nachbaut. Nein, das hat nichts mit Loriot zu tun. Und auch die innere Sicherheit ist dadurch nicht in Gefahr. Kunert macht Kunst. Und baut detailgetreue Miniaturwelten, die er dann fotografiert.

Wie jene Fotografie „Kleinod“. Sie zeigt einen Atommeiler in matten Farben, in die Verbindungsrohre frisst sich Rost, weißer Rauch steigt aus dem Kühlturm. Und inmitten der grauen Wirklichkeit ragt ein kleiner begrünter Balkon samt Sonnenschirm aus dem Beton.

Frank Kunerts Welten, die unter dem Titel „Wunderland“ im „Museum Boppard in der kurfürstlichen Burg“ zu sehen sind, entstehen in einer 20 Quadratmeter großen Werkstatt in Kunerts Haus in Boppard. Dort arbeitet er an seinen Modellen. Dann schneidet er Leichtschaumplatten zurecht, malt, patiniert, übermalt, lackiert, richtet ein, rückt Miniaturmöbel, hängt Gardinen auf, stellt Blumen auf die kleinen Fensterbänke und Bücher ins Regal. Warum dieser Aufwand für ein einziges Bild? „Erst wenn ich Dinge in die Hand nehme, entsteht auch etwas, dann kommen die Ideen. Nur so kann ich die Dinge beseelen“, sagt Kunert.

Es kann schon mal bis zu zwei Monate dauern, bis so ein Modell fertig ist. Niemand darf dann wissen, woran er gerade baut. In was er sich vergräbt. Nicht einmal seine Frau. „Es geht nicht anders. Ich muss mein Ding machen“, sagt er.

Ist die Miniatur fertig, kommt die analoge Großformatkamera ins Spiel. Dann arrangiert er letzte Details, rückt seine Welt ins rechte Licht und vollendet die Illusion. Das ist für Kunert entscheidend. Denn das aufwendige Modell ist nur ein Schritt auf dem langen Weg zum eigentlichen Kunstwerk. Erst mit dem Foto zieht dort Leben ein. Es klingt paradox, aber erst die Fotografie rückt Kunerts Kunst trotz der darin befindlichen absurden Elemente wieder näher an die Realität. Das Foto suggeriert seinem Publikum, diesen Ort, dieses Haus, diese Situation gibt es wirklich. Es kann gar nicht anders sein.

 

Der Betrachter steht dann vor Kunerts Bildern und wundert sich über einen Ausschnitt einer Wirklichkeit, die auf den ersten Blick ganz gewöhnlich scheint. Zuerst kommt das Normale, das Biedere. Die Skurrilität braucht einen Moment. Dabei ist sie die ganze Zeit da. Der Betrachter steht dann vielleicht vor der Fotografie „Live-Übertragung“, folgt dem Abfluss der Toilette, die im Fernseher mündet und wundert sich über den kleinen Strauß Blumen, den jemand liebevoll auf dem alten Röhrenfernseher platziert hat. Oder man steht vor dem Bild „Erlösung“, auf dem eine Kirche kurzerhand zum Parkhaus wird. Im nächsten Bild entdeckt man dann ein Dieselklavier, verschneite Büromöbel auf einem Hochsitz, eine Tennis-Halfpipe oder das verkehrstechnisch hervorragend angebundenes Mehrfamilienhaus, durch das eine Autobahn verläuft.

Auf einem anderen Bild platziert Kunert eine klassische 60er-Jahre-Toilette Modell Flachspüler auf dem Mond. Und der aufmerksame Betrachter freut sich über die gehäkelte Toilettenpapierhaube auf dem Spülkasten. Dort auf dem Mond wirkt sie weniger grotesk als hier unten in einer nahezu Häkelhauben freien Welt. Kunerts Welten stecken voller Überraschung, voller Witz, aber auch Traurigkeit. Immer gleichzeitig und immer exakt. Und immer ein bisschen zu genau an der Wirklichkeit vorbei. Aber nie weit genug, um nicht vielleicht doch echt zu sein.

Der 54-jährige Frank Kunert lebt seit sieben Jahren in Boppard am Mittelrhein. Ursprünglich kommt er aus Frankfurt, macht dort eine Fotografenlehre. Bevor er von der Fotografie leben kann, hält er sich mit Nebenjobs über Wasser. Mal als Nachtwächter, mal in der Altenpflege. Er landet schließlich in der Werbefotografie. Dort entdeckt er seine Leidenschaft für die inszenierte Fotografie. Die handwerkliche Seite fasziniert ihn, der Aufbau, das Arrangement, die Illusion. Mit Ende 20 baut er dann sein erstes Modell. Eine Auftragsarbeit zum Thema Gastronomie.

Die klassischen Porträts, das Fotografieren von Menschen, haben ihn nie interessiert.

Auch seine Modelle sind menschenleer. Und trotzdem ist allerhand Leben darin. „Menschen würden nur stören“, sagt er. „Meine Modelle sind Kulissen, die man mit seiner Fantasie bevölkern kann.“

Wer genau hinsieht, entdeckt dann doch einen Menschen. Auf einem Foto in einem Foto. In einem Fingernagel großem Bilderrahmen auf einem kleinen Tisch. Kunerts verstorbene Mutter ist zu sehen, als sie 16 Jahre alt war. Das Bild im Bild steht im Werk „Hoch hinaus“. Es zeigt einen Ausschnitt eines Zimmers. Darin ein roter Stuhl. Kunert hat ihn aus einer Zahnseidenverpackung gebaut. Der Betrachter wartet drauf, dass jemand Platz nimmt und der rote Stuhl die Schiene entlang die Treppe hinauf fährt. Doch der Lift führt nicht in den ersten Stock, sondern hinaus durchs offene Fenster. Direkt in den Himmel.

Von seiner Mutter und seinem Vater bekommt Kunert als Kind einen Technikbaukasten zu Weihnachten geschenkt. Eigentlich baut man damit Maschinen. Er baut Häuser.

Häuser stehen auch heute im Mittelpunkt seiner Arbeiten. Es sind die typischen Mehrfamilienbauten der 50er- und 60er-Jahre. Diese Architektur hat ihn geprägt. „Auf eine merkwürdige Art finde ich die schön“, sagt er. „Erst wenn etwas abblättert, wird es interessant. Dann verlieren diese 60er-Jahre-Siedlungen ihre Sterilität.“

Fühlt er sich deshalb so wohl am Mittelrhein? Kunert lacht. Die Städte am Mittelrhein versprühten oftmals eine deprimierende Atmosphäre. „Man muss nicht unbedingt viel Geld in die Hand nehmen, um das zu ändern, manchmal genügen Ideen, Fantasie. Manchmal entsteht durch Improvisation etwas Wunderbares. Das fehlt hier ein bisschen.“

Kunert steht im ersten Stock des Museums und blickt durch die riesige Glasscheibe auf den Rhein. Der Ausschnitt zeigt die heranrauschende Fähre. „Wenn man auf diese Fähre will und von der rechtsrheinischen Seite kommt, muss man vorher das Auto geschickt rangieren. Und genau das ist mein Thema“, sagt er und schaut zur Fähre. „Sie ist das beste Beispiel für Improvisation. Dafür, wie es der Mensch immer irgendwie schafft, Lösungen zu finden, die dann vielleicht ein bisschen skurril ausfallen.“

Kunert ist kein Provokateur, kein Exzentriker. Einmal fragt ihn eine Frau bei einer Ausstellung verwundert: „Sind Sie der Künstler? Sie sehen so bieder aus. Waren sie mal Steuerberater?“ „Ich wusste gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin recht normal“, sagt er.

Im Grunde ist es wie mit seinen Modellen und Bildern. Man muss schon genau hinschauen.

 

Vom Wunderland zur wunderbaren Welt des Hugo Gernsback

Im Jahr 2260 wird man den Menschen so richtig in die Köpfe schauen können. Mithilfe des „Menographen“ werden die Gedanken frei und sichtbar. Für alle. So prophezeite es Hugo Gernsback in seinem Roman „Ralph 124C 41+“, den er im Jahre 1911 zu schreiben beginnt.

Das „Museum am Strom“ in Bingen widmet Hugo Gernsback, der als Vater moderner Science-Fiction-Literatur gilt, dieser Tage eine Sonderausstellung. Denn der Todestag des Fantasten Gernsback jährt sich zum 50. Mal. Außerdem hat Gernsback, der als Hugo Gernsbacher in Luxemburg zur Welt kommt, seine Studienjahre am Technikum in Bingen verbracht. In den Jahren 1901/1902. Da ist Gernsback gerade einmal 17 Jahre alt. Den Zeugnissen kann man entnehmen, dass Hugo Gernsback kein besonders fleißiger Student war. Er war viel lieber Praktiker und Bastler.

Er entwickelt in den Binger Jahren eine Trockenbatterie, die er allerdings nicht als Patent anmelden kann. Mit 19 Jahren wandert er dann in die USA aus und fährt erster Klasse mit dem Schiff in die Neue Welt.

Im Museum am Strom erfährt man auch, dass Gernsback zu seinem achten Geburtstag von seinen Eltern einen Baukasten für eine elektrische Klingel geschenkt bekommt. Es sind die „geheimnisvollen grünen Funken“ der Klingel, die seine Technikbegeisterung wecken und ihn fortan nicht mehr loslassen. Er richtet sich ein kleines Labor im Elternhaus ein und baut für ein benachbartes Kloster mit gerade einmal 13 Jahren ein Klingelsystem. Eine Art Haustelefonnetz. Die Schwestern stellen ihm im Gegenzug ein Diplom aus.

In den USA angekommen, gründet der junge Gernsback die „Electro Importing Company“. Dort vertreibt er seinen „Telimco”, einen Fertigbausatz für ein Kommunikationsgerät, das drahtlos über elektromagnetische Wellen Signale übermittelt.

Parallel startet er seine verlegerischen Unternehmungen. 1908 gibt er mit „Modern Electrics“ seine erste Zeitschrift heraus. 1926 begründet er mit der Zeitschrift „Amazing Stories“ das moderne Genre der Science-Fiction-Literatur. In der ersten Ausgabe erscheinen Nachdrucke von H. G. Wells oder Jules Vernes.

Gernsback wird Verleger, Geschäftsmann, Autor, Tüftler, Erfinder von über 80 Patenten und Funk- und Fernsehpionier (1925 gründete Gernsback den Rundfunksender WRNY). Ein Mondkrater wird in den 70er-Jahren nach ihm benannt.

Am Rande der Ausstellung in Bingen stellen Schüler der 6. und 7. Klasse aller Schulformen ihre Zukunftsvisionen vor. Ganz im Sinne Gernsbacks, der seine Technikbegeisterung und Zukunftsvisionen immer einem breiten Publikum näherbringen wollte.

Wie sieht Transport in 50 Jahren aus? Wie die Welt von übermorgen? Solche Dinge fragen sich die Schüler. Und erzählen von Autos, die Sonnenstrahlen tanken und durch Gedanken gesteuert werden.

Ein Schüler schreibt über die Zukunft der Navigationsgeräte: „Wenn z.B. Herr Kleinwicht aus Schneckenhausen nach Kaiserslautern will, erkennt das Navi, das Frau Fortzufort auch nach Kaiserslautern will und dass sie in Erlenbach wohnt. Das Navi erkennt dann, ob Erlenbach auf dem Weg liegt und fragt dann Herrn Kleinwicht, ob er Frau Fortzufort mitnehmen will. Natürlich könnte man jetzt meinen, dass das viel zu gefährlich wäre, wenn das Verbrecher wären. Aber die Navis würden auch wissen, ob Frau Fortzufort schon etwas verbrochen hätte, und es würde das auch direkt Herrn Kleinwicht berichten.“

Die Frage, was jemand aus Schneckenhausen ausgerechnet in Kaiserslautern will und ob ein Gedankenlesenavi Herrn Kleinwicht und Frau Fortzufort tatsächlich zusammenbringt, kann an dieser Stelle leider nicht geklärt werden. In 50 Jahre wissen wir mehr.

Sicher ist aber: Hugo Gernsback hätte seine helle Freude daran.

 

Frank Kunert – Wunderland
10. September 2017 – 28. Januar 2018
Museum Boppard, Kurfürstliche Burg, Burgplatz 2, Boppard am Rhein 

 

Die wunderbare Welt des Hugo Gernsback
2. Juni bis 26. November 2017
Museum am Strom, Museumstraße 3, Bingen am Rhein

1 Kommentar

  • Heike says:

    Interessante Kunst in meiner Heimat. ..Als Kinder bauten wir Bauernhöfe aus Lego..Heute Schloß Neuschwanstein aus Nanoblock….Aber aus Fischer Technik und Co. spannende Kunstobjekte zu gestalten finde ich genial..

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