Zuckerbergs Traum

von
Wolken am Mittelrhein.
Sie haben Post! Wolkenservice.

Der feuchte Facebooktraum einer total vernetzten Welt ist wahr geworden. Nicht im Silicon Valley, sondern hier, am Ende der Welt. In der vernetzten, der totalen Provinz.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine schöne Wolke. Und ziemlich sicher wird gleich jemand diese Wolke in einer dieser lokalen Facebook-Gruppen posten. Dann bekommt die Wolke ein staunendes Smiley. Und erst dann ist sie komplett. Erst, wenn ein anderer meine Beobachtung bestätigt, kann ich sicher sein, dass es sie überhaupt gegeben hat. Denn eine Wolke ist erst dann eine echte Wolke, wenn sie auf einem Server landet, wenn sie in einem digitalen Gedächtnis verankert wird. Erst im geteilten Raum echt und fassbar. Was nicht geteilt wird, existiert nicht. Nicht im Netz und schon gar nicht in der Welt.

Facebook sei Dank. Das blaue Netzwerk bringt die Wolke nach Hause. Die rote Eins zeigt es an. Sie haben Post. Wolkenservice. All das geschieht, ohne Aufforderung, ohne jemals eine Wolke bestellt zu haben. Facebook liefert Sehnsuchtskopien in jedes Wohnzimmer, in jede smartphonefähige Hosentasche. Die digitale Welt rückt in die analoge. Und irgendwann braucht niemand mehr in den Himmel zu schauen. Das lenkt nur ab und ist viel zu anstrengend.

Facebook ist, nüchtern betrachtet, eine einzige Erfolgsgeschichte. Es kennt nur eine Richtung. Nach oben. Zur Wolke. In Kürze haben zwei Milliarden Mitglieder die Möglichkeit, schöne Wolken zu teilen. Weil das so ist, hat Facebookerfinder Mark Zuckerberg gerade ein neues Manifest geschrieben. Er hat seine Vision überarbeitet. Es reiche nicht mehr, die Welt nur zu verbinden. „Wir müssen auch daran arbeiten, die Welt enger zusammenzubringen.“

Das Netzt ist ausgeworfen, jetzt soll es sich zusammenziehen. Das Imperium ausgedehnt, jetzt soll es vertieft werden.

Allerdings ist Zuckerbergs Vision längst überholt. Er weiß es nur noch nicht. Denn er war vermutlich noch nie am Mittelrhein. Was er da in seinem Manifest formuliert, ist hier nämlich längst Realität.

Zuckerbergs feuchter Facebooktraum einer total vernetzten Welt ist längst wahr geworden. Nicht im Silicon Valley, nicht in London, Berlin oder New York. Zuckerbergs Vision verengter Virtualität existiert bereits in einem kleinen Dorf links des Rheins: in Niederheimbach. Hier, am Ende der Welt. In der vernetzten, in der totalen Provinz.

Niederheimbach mit seinen 800 Einwohnern hat eine eigene Facebookgruppe mit über 500 Mitgliedern. Ein solches Verhältnis, eine solche Dichte, ist verhalten gesprochen außergewöhnlich.

In der Gruppe wird sich gemeinsam erinnert, geärgert, informiert und beliked. Ein Zwerg ist verschwunden. Ein Zwergenbild wird gepostet. Entwarnung: „Der Zwerg am Gemeindehaus wurde nicht gestohlen, er wird nur restauriert und kommt dann wieder an seinen alten Platz zurück“. Durchatmen. Ein anderer zählt einen Raser an. Sollte dieser noch einmal an seinem Haus vorbeiheizen, gebe es eine Anzeige. Der Rest sind schöne Bilder und Erlebnisse, die Menschen aus guten Gründen miteinander teilen.

Zuckerberg hat in seinem jüngsten Manifest genau diese Gruppen im Blick. In seiner Deklaration heißt es, dass es darum gehe, eine soziale Infrastruktur für die Gemeinschaft zu entwickeln. Er erklärt, Facebook wolle den Gruppen-Bereich ausbauen. Momentan würden sich lediglich 100 Millionen Nutzer in Gruppen engagieren. Zuckerbergs Ziel sei es, diese Zahl zu verzehnfachen.

Die Gruppe in Niederheimbach aber ist nahezu kontemplativ im Vergleich zu anderen, weitaus größeren lokalen Gruppen. In einer Gruppe, die sich um eine Stadt weiter südlich formiert, geht’s dann zu wie im Taubenschlag.

Da wird ein Zahnarzt gesucht, ein Donnern gehört, ein Unfall geteilt, ein Ei bestimmt oder ein Handy gefunden. Sonnenuntergänge werden gefeiert, Unwetterwarnungen ausgesprochen oder Menschen ermahnt, die schimmeliges Brot an Enten verfüttern. Einer fragt, ob der schwarze Pudel wieder da ist. Ein anderer antwortet, dass es sich um einen Cocker Spaniel handelt. Hund ist verschwunden, Hund ist gefunden. Wer hat den jungen Mann ohne Schuhe noch gesehen? Wo kann ich einen Welpen adoptieren? Eine Wohnung für eine Bekannte nach Trennung wird gesucht. Eilmeldung: Rüpelhafter Radler aus Bingen rastet wegen eines Versehens aus. Verängstigte Seniorin flüchtet sich in Bäckerei. Und: „Hier werden inzwischen so viele Hunde, Katzen & Co. gesucht, wäre da nicht eine eigene Gruppe vonnöten?“

Viele Sätze beginnen mit, ich weiß nicht, ob das hier hingehört… und enden mit Dingen, die dort nicht hingehören. Aber sie haben ja gewarnt. Und niemand weiß so recht, was zur Hölle denn da jetzt eigentlich so wirklich hingehört. In Bingerbrück wird dann ein Waschbär rausgezogen, eine tote Katze klebt auf kargem Asphalt, Muttermilch droht sauer zu werden.

„Hallo und Obacht liebe stillende Mütter oder solche, die es gerne würden, es aber aus diversen Gründen nicht können: Falls DU in den nächsten Wochen Probleme beim Stillen haben solltest, meine Freundin aus den USA kommt hierher zu Besuch, stillt noch, produziert aber viel zu viel Milch…… mit zurück nehmen kann sie es auch nicht, wegen Einfuhrverbot… Falls jemand etwas benötigt, bitte melden.“

Auch ich wurde Gruppe über Nacht. Bevor ich das Wort Burgenblogger auch nur buchstabieren konnte, war ich schon Mitglied in diversen lokalen Facebookgruppen. Keine Ahnung, wie man sich dagegen wehren kann. Ob man sich dagegen wehren muss. Das geht auch wieder weg, denke ich dann. Und lasse es geschehen.

In der neuen Welt wird man dann über digitale Gruppen konditioniert.

Und gucke ich aus dem Fenster, guckt die Facebook-Gruppe mit. Und sitze ich im Auto, fährt die Facebook-Gruppe mit. Bloß nicht zu schnell fahren, denke ich dann. Sonst wirst du geteilt. Und dann wird einer auf Facebook schimpfen.

Und natürlich sind diese kulturpessimistischen Andeutungen verlogen bis ins Mark. Denn auch dieser Text wird erst dann existieren, wenn er geteilt wird.

4 Kommentare

  • Mona Jung says:

    Wir hier im Rheinland (und in vielen anderen Regionen) kommunizieren eben gerne, ob in echt oder digital oder per Vereinsvitrine.
    Ich habe heute in der Rhein-Zeitung gelesen, dass in Koblenz mit den Flüchtlinge im Deutschunterricht sogar „Schwätzche halten“ sprich Small-talk explizit geübt wird, um einfacher Kontakt zu finden.

    • O ich bringe meinen ausländischen Deutschlernern auch immer rheinische Unterhaltung bei. Worte, die nicht im Wörterbuch stehen und bei zunehmenden Weingenuß doch 70 Prozent der Gespräche dann ausmachen : Hä, Ä, Gä.
      Neben dem stotternden ä, ä, ä dieses Hä und dann Gä.
      Hä : Entschuldigen Sie, ich habe Sie nicht richtig verstanden. Könnten Sie bitte
      Ihren Wortbeitrag wiederholen.
      Gä : woanders auch Gel oder Gelle : Sie sind doch auch meiner Meinung, nicht
      wahr ? Gä ?

    • Mona Jung says:

      Oje, wenn die hier geschulten dann nach Norddeutschland kommen, sind sie ähnlich irritiert wie unser burgenblogger, gä ?

    • Timo Stein says:

      hä?

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