Zwei Heimaten sind keine zu viel  

von
"In Israel war ich keine Sekunde lang fremd." Der Künstler Victor Sanovec in seinem Haus in Langenscheid. (Fotos: Timo Stein)
"In Israel war ich keine Sekunde lang fremd." Der Künstler Victor Sanovec in seinem Haus in Langscheid. (Fotos: Timo Stein)

Für den Künstler Victor Sanovec sind Kunst und Glaube Heimat. Auf Spurensuche nach jüdischem Leben am Mittelrhein.

Als Victor Sanovec 1968 über die tschechoslowakische Grenze in den Westen nach Deutschland flieht, hat er nichts außer einer Doktorarbeit und einer Makarov, Kaliber neun Millimeter dabei. Victor Sanovec ist da gerade einmal 25 Jahre alt.

Die Doktorarbeit übergibt er einem Mann kurz hinter der Grenze. Es ist die Arbeit eines Freundes aus London, der Sanovec gebeten hatte, sie aus dem kommunistischen Land zu schmuggeln.

Der Mann, der die Arbeit in Empfang nimmt, drückt Sanovec einen Umschlag mit 50 Dollar in die Hand. „Wo wohnst du?“, fragt er Sanovec. Zuhause? Heimat? Sanovec hat beides nicht. Künstler und Jude wird er erst nach der Flucht. In Deutschland. Kunst und Judentum werden Heimat für Sanovec. In der kommunistischen Tschechoslowakei ist für Kunst und Glaube kein Platz. Der sich im Gewand des Antizionismus verbergende Antisemitismus ist dort Staatsdoktrin.

Der Fremde mit dem Umschlag nimmt Sanovec für eine Nacht mit zu sich, dann organisiert er eine Unterkunft für den Geflohenen in Hanau. Sanovec bekommt politisches Asyl. Es wird zehn Jahre dauern, bis er ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland bekommt. Bis dahin bleibt er staatenlos.

Auch in Hanau trifft der heute 73-jährige Sanovec auf Helfende. Innerhalb von nur einer Woche findet er Arbeit bei einem Steinmetz und ein Zimmer zur Miete. Tagsüber notiert er sich Worte aus der Bild-Zeitung, die er sich abends übersetzt. Die freundliche alte Dame, die ihm das Zimmer vermietet, bringt dann Pudding und Kompott. „Ich habe viel Glück gehabt im Leben“, sagt Sanovec. Derselbe Sanovec, der knappe zwei Jahre in kommunistischer Lagerhaft verbringt.

Victor Sanovec wird in Olmütz geboren, eine Universitätsstadt im heutigen Tschechien. Geographisch liegt Olmütz näher an Wien als an Prag. Doch politisch liegen dazwischen Welten. „Der Westen war für mich ein großes Versprechen“, erinnert sich Sanovec, die Hände immer in Bewegung. In der damaligen Tschechoslowakei besucht er eine Lehranstalt für Bauwesen und lernt Stuckateur. Dann wird er zum Militär eingezogen. „Ich dachte, ich könnte mich da schon irgendwie durchmogeln. Das wird schon.“ Es wurde nicht. Der Druck wird größer, der 19-jährige Sanovec verweigert den Dienst an der Waffe. Er wird verhaftet, vom militärischen Abschirmdienst verhört, vor ein Gericht geladen und unehrenhaft entlassen.

Es folgen 20 Monate Lagerhaft. „Das ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Aber nicht mein ganzes Leben“, sagt Sanovec und schickt Stirnfalten die Glatze hinauf. Und doch hat das Lager ihn geprägt: Wenn das Wachpersonal mit seinen polierten Stiefeln und blitzblanken Uniformen den verwilderten Gefangenen gegenübersteht, „dann weiß man, wer ein Mensch ist und wer ein Schwein.“ Kleidung, Schuhe, Essen haben für Sanovec seither besondere Bedeutung.

Nach seiner Entlassung werden ihm die Bürgerrechte entzogen, studieren darf er nicht, er findet Arbeit als Stuckateur in Prag und beginnt mit dem Zeichnen. Als die Sowjets 1968 dann einmarschierten und die Hoffnung auf Öffnung und Liberalisierung des Landes („Prager Frühling“) mit aller Gewalt zerschlagen, weiß Sanovec, dass er das Land verlassen muss. Ihm bleibt nur die Flucht. „Der Unterdrückungsapparat mit Polizei und Armee war so mächtig, dass man sich entscheiden musste, ob man Teil davon werden will oder nicht. Ich wollte es nicht.“

Ein Jahr nach seiner Flucht beginnt Sanovecs zweites Leben in Frankfurt am Main. Wieder bricht er in eine für ihn völlig neue Umgebung auf. Sanovec beginnt dort ein Studium an der Hochschule für bildende Kunst. „Da öffnete sich die Welt für mich“, sagt er heute. Und er begreift, dass man das Leben in vielerlei Hinsicht formen kann. „Natürlich war ich einsam. Aber das war der Preis für die Freiheit“, sagt Sanovec, reißt die braungrünen Augen auf und schiebt lachend hinterher: „Manchmal ist die Zweisamkeit aber auch unerträglich.“ In seiner Frankfurter Studienzeit verbringt Sanovec jede freie Sekunde in Museen, besucht Ausstellungen, Bibliotheken, hört Vorlesungen von Bazon Brock und reist durch Europa.

Sein drittes Leben beginnt Sanovec Anfang der 90er-Jahre am Mittelrhein. Er zieht in das 200-Seelen-Dorf Langscheid. Es liegt auf einem schmalen Höhenrücken hoch über dem Rhein. Wieder kennt er dort „niemanden und nichts“. Wieder tauscht Sanovec eine Heimat gegen eine andere. „In Frankfurt war meine Zeit abgelaufen“, sagt Sanovec, der die Sätze manchmal zu Ende flüstert. Zwei Ehen hat er da bereits hinter sich. Es ist das Haus, eine alte Schule, das den Ausschlag gibt. Es ist mehr als das. Es ist ein Versprechen. Es wird Arbeitsplatz, Lebensmittelpunk, Galerie und Lager. Gleichzeitig ist der Schritt in die unbekannte Provinz für Kunst und Künstler mit großem Risiko verbunden. Einen Kunstmarkt gibt es dort nicht. „Um Kunst zu machen, musst du dumm sein. Notgedrungen blind. Um wieder neu auf die Dinge sehen zu können.“

Mit an den Rhein zieht seine heutige Frau Barbara Fuchs. Sie lernen sich in Frankfurt kennen. Natürlich über die Kunst. Über den Glauben. Barbara Fuchs ist Jüdin. Sie kommt ursprünglich aus Vinningen in der Pfalz. Gemeinsam beginnen sie, 1993 die brachliegenden Flächen in den Weinbergen künstlerisch zu gestalten. Das Projekt „Rheingarten“ scheitert letztlich am Geld. Die Liebe aber hat Bestand. 2003 feiern sie auf der kleinen Insel vor Bacharach eine jüdische Hochzeit. Ein Rabbiner aus London traut die beiden.

In Sanovecs Leben und Werken geht es immer um Gegensätze. Um Widersprüche, die ein Ganzes bilden. Ein unversöhnliches Nebeneinander, das es auszuhalten gilt. Gleichzeitig ist seine Kunst darauf ausgerichtet, permanent zu verändern. Den Betrachter, den Künstler, aber auch die Kunst selbst. Seine Malerei, die Gestaltung öffentlicher Plätze, die Landschaftsgestaltung oder die künstlerische Sozialarbeit. All das soll sich am Leben orientieren, soll die Umgebung prägen und durch die Umgebung geprägt werden. „Die Kunst ist keine Blase. Ich will verstanden werden. Sie ist mein Vokabular, um an der Welt teilzunehmen.“

So entscheidend wie das Material und das Kunstobjekt selbst, ist der Ort, an dem das Werk schließlich platziert wird. So ist es auch bei Sanovecs Skulptur „Glück“. Sie liegt in Oberwesel genau an dem Ort, an dem Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1843 zum ersten Mal im westdeutschen Raum die Nationalhymne vorgetragen hat.
Steffen Bruendel von der Goethe Universität erinnerte bei der Einweihung im Sommer 2017 daran, dass Sanovecs „Glück“ im geistigen und räumlichen Kontrast zum Unglück stehe. Die Skulptur liegt direkt an der Wernerstraße, deren Benennung auf eine antisemitische Ritualmordlegende zurückgeht. Und neben einer Tafel, auf der die Nazis 1941 an das Deutschlandlied erinnerten.

Die Legende um den „guten Werner“ ist im Mittelalter Auslöser christlicher Pogrome, die sich von Oberwesel ausgehend über den Mittelrhein bis an die Mosel und den Niederrhein ausbreiten. Am Karfreitag 1287 sollen der Legende nach Juden den jungen Werner im Nachbarort Bacharach erschlagen haben, um das Blut des Jungen zu rituellen Zwecken zu verwenden. Der Leichnam des Jungen soll dann nach Bacharach gebracht worden sein. Dort habe der tote Werner dann Wunder vollbracht und wurde als Märtyrer verehrt. Die Wernerkapelle in Bacharach wird errichtet und von katholischen Christen bis in die 1960er-Jahre als Wallfahrtskirche verehrt. Heute dient die Wernerkapelle als Mahnmal für die im Mittelalter ermordeten Juden.

Mitte des 14. Jahrhunderts – nach einer neuerlichen Verfolgungswelle – verschwindet schließlich die jüdische Gemeinde in Oberwesel. Sie taucht erst wieder im 17 Jahrhundert auf.

So wie der jüdischen Gemeinde in Oberwesel ergeht es den vielen jüdischen Gemeinden am Mittelrhein. Von Bacharach bis Boppard.

Heute gibt es Juden auf Friedhöfen, in Geschichtsbüchern oder Zeitungen. Aber kaum jüdisches Leben.

„Hier einen Juden zu treffen ist beinahe unmöglich“, sagt Barbara Fuchs. „Wir kennen auf der anderen Rheinseite noch zwei Juden.“ Die nächsten jüdischen Gemeinden sind in Mainz oder Koblenz.

Barbara Fuchs ist es auch, die den Anstoß für das durch Spenden finanzierte Mahnmal vor der alten Synagoge in Oberwesel gibt. Es erinnert an die letzten jüdischen Gemeindemitglieder der Stadt. 46 Namen sind dort eingraviert. 46 Juden, die von den Nazis ermordet wurden.

Zur Einweihung des Denkmals im Jahre 2006 kommt der Rabbiner Alfred Gottschalk nach Oberwesel. Er wird dort 1930 geboren und flieht 1938 mit seiner Mutter in die USA.

Barbara Fuchs stößt bei einer Recherche auf den in New York lebenden Oberweseler Rabbi und schreibt ihm sofort einen Brief. Fünf Tage später klingelt das Telefon. Gottschalk ist völlig außer sich, dass es in Oberwesel wieder jüdisches Leben gibt. Für den Rabbi war die Kindheit Heimat. „Ich bin ein Oberweseler Bub“, sagt Gottschalk bei der Gedenkfeier. Er hat Oberwesel nie vergessen. Oberwesel ihn aber schon. Drei Jahre später stirbt Gottschalk in den USA.

Es reiche nicht aus, nur Denkmäler zu errichten, sagt Fuchs. „Wir wollten uns mit den Lebenden beschäftigen.“ Fuchs und Sanovec mieten die alte Synagoge in Oberwesel an. Konzipieren dort Ausstellungen, halten kleine Gottesdienste ab und versuchen, die Vielfalt des heutigen jüdischen Lebens zu zeigen. Irgendwann geben sie die Synagoge wieder auf. „Du kannst nicht immer nur anschieben“, sagt Sanovec. Es müsse auch etwas zurückkommen. In der alten Synagoge sind heute Büros.

1974 reist Victor Sanovec zum ersten Mal nach Israel. In der Wüste sieht er zerstörte Panzer des Jom-Kippur-Krieges. Es sind die Panzer des arabischen Gegners. Russischen Typs. Sanovec kennt diese Panzer aus der Zeit des „Prager Frühlings“. Doch in der Wüste verlieren sie mit einem Schlag ihre Bedrohlichkeit. „In Israel“, sagt er, „war ich keine Sekunde lang fremd. Fremd fühle ich mich heute, wenn ich nach Tschechien fahre.“

1 Kommentar

  • Hierzu fällt mir ein, dass der aktiv an seinem Lebensglück arbeitet, der sich von negativen Anhaftungen löst.
    Ich bin in meiner Jugend auf dem Lande mit christlichem Dünkel gegenüber der andersgläubigen Restwelt konditioniert worden. Als ich begriff, dass Religionen die Trennung der Menschen im Programm führen, löste ich mich davon und wurde nur noch Mensch.

Kommentar verfassen